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PRESSEMITTEILUNG:

03. Juli 2017

Hebammenmangel – Verlust für die Gesundheitsversorgung von Familien

Rottloff: Wir brauchen mehr Anerkennung und Entlastung für Hebammen zur Sicherung der geburtshilflichen Versorgung und eines gesunden Starts ins Leben für alle Kinder.
In Wiesbaden und Umgebung haben werdende Eltern immer größere Schwierigkeiten, eine Hebamme zu finden. Dabei ist die Betreuung durch eine Hebamme wertvolle Unterstützung für Familien und vor allem wichtig für die Gesundheit der Frau und des Kindes. Als meine kleine Tochter auf die Welt kam, haben wir leider keine Hebamme für die Nachsorge gefunden. Gerade in der ersten Zeit mit unserem Baby hatten wir viele Fragen und hätten die Unterstützung gerne in Anspruch genommen.
So wie es uns vor zwei Jahren ging, geht es heute sehr vielen werdenden Eltern in Deutschland und vor allem auch hier bei uns, in Wiesbaden. Wer sich nicht sofort bei positivem Schwangerschaftstest um eine Hebamme bemüht, hat kaum eine Chance, eine zu bekommen. In Wiesbaden sind Hebammen momentan acht Monate im Voraus ausgebucht! Wer nicht in oder nahe der Innenstadt, sondern in Stadtteilen wie Kloppenheim oder Delkenheim wohnt, hat gar keine Chance auf eine Betreuung.

Ich habe mich über die Situation mit Silke Then (45) unterhalten. Sie arbeitet als freiberufliche Hebamme in Wiesbaden. „Der Mangel an Hebammen führt nicht nur zu einer Unterversorgung im Wochenbett, auch Plätze in Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskursen sind schwer zu bekommen“, sagt sie. „An manchen Tagen habe ich bis zu zehn Anrufe von Schwangeren und ich muss allen absagen, weil ich ausgebucht bin.“ Auch in den Kreißsälen der Kliniken arbeiten zu wenige Hebammen, sagt Then. Deshalb beutreue dort eine Hebamme häufig drei Frauen gleichzeitig. „Das führt dazu, dass Gebärende lange allein gelassen werden“, sagt sie.

Für die Begleitung einer Hausgeburt steht in Wiesbaden gar keine Hebamme mehr zur Verfügung. Das schränkt Frauen bei der Wahl des Geburtsortes ein. Dazu kommt, dass immer mehr geburtshilfliche Abteilungen in Krankenhäusern in ländlichen Gebieten schließen. Schwangere müssen häufiger weite Wege bis zur nächsten Geburtsstation auf sich nehmen.

Silke Then sieht im Mangel an Hebammen vor allem einen Verlust für die Gesundheitsversorgung. „Wir schauen vor, während und nach der Geburt nach der physischen und psychischen Gesundheit der Frau und auch des Kindes. Unsere Leistungen sind sehr wichtig für junge Familien und dürfen uns in Deutschland nicht verloren gehen“, sagt sie.
Der Grund für die Unterversorgung an Hebammen sind die sich immer weiter verschlechternden Arbeitsbedingungen. In Deutschland arbeiten derzeit rund 23000 Hebammen, 70 Prozent von ihnen sind freiberuflich tätig. Die freiberuflichen Hebammen verdienen durchschnittlich rund 2.500 Euro brutto. Von ihrem Gehalt müssen sie hohe Beiträge für die Berufshaftpflicht zahlen. Die Beiträge sind in den vergangenen 10 Jahren um unglaubliche 310 Prozent gestiegen. Zum 1. Juli 2017 sind sie erneut gestiegen. Jetzt kostet die Berufshaftpflicht für eine Hebamme 7.639 Euro im Jahr. Die Versicherungen begründen die Beiträge mit dem Risiko von Regressforderungen im Schadensfall bei einer Geburt.
Der Arbeitsdruck durch den Mangel an Kolleginnen, der Frust, der entsteht, weil man die Schwangeren nicht hinreichend betreuen kann, der geringe Verdienst und die vielen komplizierten Vorschriften – all das seien Gründe dafür, dass sich viele Hebammen von ihrem Beruf abwenden, sagt Silke Then. „Viele gehen früher in Rente, oder schulen sogar um.“
Silke Then schafft es trotzdem, als freiberufliche Hebamme ihr Geld zu verdienen. „Man muss ganz schön ranklotzen, aber mit Einsatz und guten Ideen geht es trotzdem und der Beruf ist wirklich ein besonders schöner“, sagt sie. Sie Then wünscht sich, dass der Hebammenberuf wieder mehr Anerkennung in der Gesellschaft erhält und im Gesundheitssystem ein Weg gefunden wird, die Hebammen von den hohen Versicherungsbeiträgen zu entlasten. „Ich wünsche mir auch, dass es wieder mehr Hebammen gibt, damit wir alle Schwangeren eins zu eins betreuen können, so wie sie es in dieser sensiblen Lebensphase brauchen“, sagt Then.

Die Situation der Hebammen und die Konsequenzen für werdende Familien sind nicht länger hinnehmbar. Als Bundstagsabgeordneter möchte ich mich aktiv dafür einsetzen, dass Hebammen entlastet werden und ihr Beruf mehr Anerkennung erfährt. Um langfristig Entlastung zu schaffen und die geburtshilfliche Versorgung und die Gesundheit für werdende Familien langfristig zu sichern, halte ich einen Systemwechsel für nötig: Krankenkassen und Pflegeversicherungen müssen in Zukunft den Regress übernehmen. Dadurch werden die Haftpflichtprämien für Hebammen deutlich sinken.
Auch wenn es auf der kommunalen Ebene nur wenige Stellschrauben gibt, haben wir jetzt in Wiesbaden einen kleinen Schritt zur Verbesserung der Hebammenversorgung getätigt. Wir werden ein Projekt finanzieren, mit dem sowohl bei BerufseinsteigerInnen als auch bei BerufsaussteigerInnen spezifisch für den Beruf der Hebamme geworben werden soll. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Runden Tisch Hebammenversorgung erarbeitet. Ich hoffe, dass in Zukunft wieder mehr Menschen in Wiesbaden und Deutschland den Hebammenberuf ergreifen und die wertvollen Leistungen für alle Frauen zur Verfügung stehen.

Ansprechpartner:
Simon Rottloff: 0177/ 8798385
Silke Then steht ebenfalls für ein Gespräch zur Verfügung.
Bitte wenden Sie sich bei Interesse an das Parteibüro der SPD unter 0611/9999110 oder an 0176/20644345